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6. SEP 2010
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Erik für »Ludde« - welch ein Spaß
Auch wenn an diesem herrlichen Spätsommertag die »Operation Derby-Sieg 2010«, Lutfi Kolgjinis lang gehegter Wunschtraum, endlich das »Svenskt Trav Derby« zu gewinnen, nicht ganz den geplanten Verlauf nahm, konnte der im Alter von 15 Jahren nach Schweden eingewanderte Albaner doch am Abend zwei der gelben Jacketts als äußeres Zeichen der Würde eines Derbysiegers in den häuslichen Kleiderschrank hängen:
Eines für ihn als Trainer, das zweite für seine Lebensgefährtin Anna Svensson, die gemeinsam mit ihm Besitzerin und Züchterin von Joke Face ist. Das dritte durchaus mögliche für den Fahrer trat er letztlich nach einem »Derby«, das zum einen ohne klaren Favoriten offen wie selten in den letzten Jahren war und zum anderen zur Freude der nur 5.091 Fans vor Ort außerordentlich turbulent verlief, gern an »catch-driver« Erik Adielsson ab, dem dieses Kleidungsstück bislang auch noch in seiner Sammlung fehlte.
Die beiden Malmöer bescherten den Fans, die ihre »Männer« entsprechend enthusiastisch feierten, zudem endlich wieder einen »Heimsieg«, auf den sie seit Mats Rånlunds Triumph mit Good As Gold 15 lange Jahre hatten warten müssen. Nicht ganz schlüssig waren sich die Wetter, wie sie diese 83. Auflage des wie in den übrigen nordischen Ländern den Vierjährigen vorbehaltenen »Blauen Bandes« enträtseln sollten.
Obwohl Kolgjini schon vor Wochen klipp und klar betont hatte, dass Juggle Face »sein« Derby-Pferd sein werde, gingen sie vielleicht eingedenk von dessen schwacher Vorstellungen am Samstag nicht einmal mit der Wahl des Trainers, obwohl der mit drei Siegen - Enthrone bei den Zweijährigen, Eliott Hall bei den Stehern und Yukon Boko im »Femåringslopp« - zuvor eifrig Gesichtsmassage betrieben hatte. Sie zogen ihm sogar die vermeintlich zweite Farbe Joke Face vor, für den sich »Ludde« Erik Adielsson ins Boot geholt hatte, und noch ein bisschen mehr bauten sie bei der undurchsichtigen Gemengelage auf den Mann mit den derzeit »goldenen Händen«: Örjan Kihlström genoss mit Never Again aus dem kleinen Lot von Triton Sund-Besitzer Olle Lindström das meiste Vertrauen der Wettgemeinde.

Beim »Ab« war G.H. Nemo am schnellsten auf den Hufen, doch leistete Jörgen Westholm kaum Widerstand, als der fast genauso zügig beginnende Joke Face noch vor der ersten Kurve auf die Spitze pochte und sie wenig später übernehmen konnte. Kihlström seinerseits hatte mit etwas »angezogener Handbremse« begonnen und postierte sich im Rücken von Alvena Pampas, der zunächst die Außenspur anzuführen hatte. Lange war er mit dieser Fron allerdings nicht gestraft, denn kaum hatte sich die Pace etwas beruhigt, schritt Kolgjini zur Tat und zog über die dritte Spur des ersten Bogens an die Flanke des Stallkameraden.
Die »albanische Doppelspitze« in Front, dahinter die Paare G.H. Nemo / Alvena Pampas, Victor L.H. / Never Again, Propeller / Zorro Photo vor Monster Drive / Sanity und als Schlusslicht Ågårds Ludde (Oracle war bereits am Start ein Totalausfall) - so meisterte das verbliebene Elferfeld bei mäßiger Schlagzahl die Überseite, auf der Åke Svanstedt »eine Idee hatte«: Wie ein Geschoss fegte er von ganz hinten in irrwitzigem Tempo los, bewahrte damit Teilnehmer und Zuschauer vor dem Einschlafen, tauchte ruckzuck an der Seite der beiden Jägersroer auf und machte denen kräftig Feuer unterm »Allerwertesten«. Die hatten den Braten rechtzeitig gerochen - lang genug war der Anlauf ja - und ihre Pferde kräftig flott gemacht, und so musste Svanstedt, der zumindest an Juggle Face schon zu drei Vierteln vorbei war, durch den dritten Bogen weiter in dritter Spur verharren.
Ausgangs dieser Kurve verhaspelte sich Juggle Face unter dem enormen Druck des Angreifers, ohne dass eine Behinderung vorlag - aus der Traum für Kolgjini, als Fahrer seinen ersten »Derby«-Sieg feiern zu können. Natürlich hatte Ågårds Ludde dieser Vorstoß enorm viel Kraft gekostet, und so war Svanstedt klug beraten, die Attacke auf Joke Face abzubrechen und in der »Todesspur« der Dinge zu harren, die weiterhin kommen sollten. Lange brauchte er nicht zu warten, denn kaum hatte sich das Geschehen halbwegs beruhigt, trat Kihlström auf den Plan, sauste eine Runde vor Schluss mit Never Again an die Seite von Joke Face und begann 400 Meter weiter, ihm neuerlich auf den Zahn zu fühlen.

Auch diese Herausforderung parierte der Hellbraune mit der markant-lustigen Gesichtszeichnung, eben einem »joke face«, wobei diesem Duo zunächst lediglich G.H. Nemo auf den Fersen zu bleiben vermochte. Der Rest hatte rund 30 Meter Rückstand aufzuarbeiten, weil Ågårds Ludde die Quittung für seinen rasanten Zwischengang bekam, eine halbe Runde vor »Abpfiff« nur noch Löcher in den Sand trat und damit seine Gefolgsleute genauso kräftig ausbremste wie der innen völlig überforderte Victor L.H. Joke Face widerstand diesem zweiten furiosen Angriff, denn so sehr sich der kompakte Never Again auch mühte - »never again« war er zu einem finalen Kraftakt fähig und hatte alle Füße voll zu tun, den Ehrenplatz zu retten.
Für den meldete sich nicht etwa G.H. Nemo zu Wort, bei dem die Tempowechsel, obwohl stets nur in der Rolle des Mitläufers hinter Joke Face bemüht, gründliche Spuren hinterlassen hatten, sondern Zorro Photo. Dem in Frankreich von Gaëtan Marcque vorbereiteten SJ´s Photo-Sohn hatte Dominik Locqueneux unterwegs auch das kleinste Scharmützel erspart, und buchstäblich von letzter Stelle zog der Dunkelbraune einen Endspurt an, bei dem kein Auge trocken blieb. Selbst die vierte Spur der letzten Kurve konnte ihn nicht bremsen - als mit Abstand schnellstes Pferd des Einlaufs fegte er weit außen heran und riss Never Again um Haupteslänge den Ehrenplatz »aus den Hufen«, womit er seine Gewinnsumme auf einen Schlag so gut wie verdoppelte. Gar verdreifachen konnte der Sieger sein bisheriges Einkommen mit seinem zehnten Volltreffer, denn die größte Börse, die Joke Face sich zuvor auf einen Hieb angelacht hatte, waren jene 200.000 Kronen, die es für den Sieg im »Derby«-Vorlauf gegeben hatte.
Manchmal kommt man zu einer »Derby«-Fahrt wie die Jungfrau zum Kind, wie Erik Adielsson schmunzelnd zu berichten wusste: »Es ist so um die 15 Jahre her, dass ich mich mit Ludde im Rennen mal richtig beharkt habe«, verriet der 35jährige, und Kolgjini ergänzte: »Das hat mich damals drei Monate Fahrverbot gekostet. Danach haben wir ein Gespräch unter Männern geführt und beschlossen, dass wir uns besser gegenseitig respektieren sollten. Daraus ist so etwas wie Freundschaft geworden, und weil Stig Johansson keinen Derbystarter hatte, war Erik für die heutige Fahrt frei« Adielsson spielte den Ball gekonnt wieder zurück: »Ehre, wem Ehre gebührt - ich war heute nur ausführendes Organ. Ludde als exzellenter Vorbereiter und seine Frau Anna als Pflegerin haben die Basis gelegt, einen tollen Job gemacht. Lutfi hat zudem noch die eigenen Chancen hintan gestellt und mir Ågårds Ludde vom Hals gehalten«
Für Kolgjini, der nie ein Hehl daraus gemacht hat, dass hier in Jägersro seine sportliche Heimat ist (»Hier bedeutet es mir am meisten, die big points zu holen«), war es der zweite »Derby«-Sieg als Trainer: 2006 gewann Roberto Andreghetti mit Glen Kronos für ihn das »Derby Italiano« - damals wurde Kolgjini mit dem hohen Favoriten Going Kronos Zweiter. »Dieser Joke Face bewegt sich wie viele Kinder von Weltklasse-Vererber Viking Kronos und bringt alle Komponenten mit, um zu einem Spitzenathleten auszureifen, wenn er psychisch weiterhin so stabil bleibt«, beschrieb Kolgjini seinen Schützling, dessen Vater er schon geformt hatte und mit dem er im italienischen »Derby« einst am großen Varenne gescheitert war.
Das Video des Rennens sehen Sie hier.
ERGEBNIS
| Sonntag, 05.09.2010 | ||||
| Jägersro / Schweden | ||||
| KRAFFT Svenskt Trav Derby 2010 | ||||
| 3.200.000 Skr - 2640 m - Autostart | ||||
| Vierjährige Inländer | ||||
| 1. | Joke Face | Erik Adielsson | 1:13,6 | 47 |
| 2. | Zorro Photo | Dominik Locqueneux | 1:13,8 | 224 |
| 3. | Never Again | Örjan Kihlström | 1:13,8 | 36 |
| 4. | G.H.Nemo | Jörgen Westholm | 1:14,2 | 95 |
| 5. | Monster Drive | Jörgen Sjunnesson | 1:14,4 | 509 |
| 6. | Sanity | Johnny Takter | 1:14,5 | 136 |
| 7. | Alvena Pampas | Per Lennartsson | 1:14,5 | 74 |
| 8. | Propeller | Björn Goop | 1:15,8 | 272 |
| 9. | Victor L.H. | Jorma Kontio | 1:16,0 | 521 |
| 10. | Ågårds Ludde | Åke Svanstedt | 1:16,4 | 169 |
| Juggle Face | Lutfi Kolgjini | d.r. | 50 | |
| Oracle | Stefan Melander | d.r. | 122 | |
| Joke Face - 4j. H. v. Viking Kronos a.d. Kalmie Melody v. Full Account | ||||
| Sieg: 47:10 - Platz: 19 - 41 - 16:10 - Zwilling: 810:10 - Dreierwette: 8.654:10 | ||||
Viola Silas mit Ach und Krach
Noch spektakulärer war unmittelbar zuvor das »Stuten-Derby« über die Jägersroer Bühne gegangen, bei dem sowohl die Wetter, die ihr Geld der haushohen Favoritin Viola Silas praktisch nur zum Wechseln mit auf die Reise gegeben hatten, und deren Fahrer und Besitzer Fredrik Persson allerdings bis zum im wahrsten Sinn des Wortes »rettenden Hafen« mächtig schwitzen mussten, bis die »Wunderstute« den allseits erwarteten 19. Sieg beim 20. Start unter Dach und Fach gebracht hatte.
Mehr noch als diese nur einmal unterbrochene Siegesserie imponierte, mit welchem Kampfesmut sich die schmale, zähe Lindy Lane-Tochter immer aufs Neue gegen drohende Niederlagen stemmt, und dieser Triumph hing tatsächlich am seidenen Faden. Nachdem Vitesse d´Inverne bereits im ersten Bogen Action Wind Ås als »Dirigentin« abgelöst hatte, zog Persson mit Viola Silas an deren Seite und spielte bei enorm flottem Tempo - der erste Kilometer war bei 1:11,7 alles andere als eine gemütliche Kaffeefahrt - für den weiteren Arbeitsweg die willkommene Begleitung.

Die Fragezeichen, ob dieser enorm aufwendige Verlauf gut gehen würde, verdichteten sich, als der Kalmarer Trainer, der 73 Schützlinge unter seinen Fittichen hat, 500 Meter vor Schluss erste zarte Hilfen geben musste, derweil Vitesse d’Inverne vorn munter ihren Strich herunterstiefelte und noch keine Zeichen von Müdigkeit zu erkennen gab. An der letzten Ecke schien Viola Silas geschlagen, als sich aus ihrem Fahrwasser Stepping Space anschickte, ihr den »Todesstoß« zu verpassen, doch dann entwickelte sich ein Kampf auf Biegen oder Brechen, der die Zuschauer begeistert mitgehen ließ. Rasch neigte sich die Waagschale zu Ungunsten der Tempomacherin, bei ihrer »Nebenfrau« konnte man förmlich sehen, wie sie die Zähne zusammenbiss und Schippchen um Schippchen »draufpackte«, um der von Johan Untersteiner bestens motivierten Stepping Space zu widerstehen.
So sehr sich die Riesenaußenseiter auch ins Zeug legten und Viola Silas Zentimeter um Zentimeter auf den Pelz rückten - am Ende war Persson der erleichtert lachende Erste: »Dieses Pferd ist unglaublich und mit dem Mut eines Löwen gesegnet. Heute morgen war ich ein bisschen traurig, dass ich mit ihr nicht ins Derby gegangen bin, jetzt bin ich heilfroh und überglücklich, dass wir die Derbystoet gewinnen konnten« Zehn Meter weiter hätte der Pfosten allerdings nicht stehen dürfen, denn mit Riesenschritten kam aus dem Hintertreffen Goops familieneigene Pebbly angebraust und für den Ehrenplatz nur um einen »Hals« zu spät.
Verdient hat Viola Silas, die »en passant« ihren eigenen schwedischen Vierjährigen-Rekord für Stuten über die Mitteldistanz auf 1:12,7 verbesserte, nun 4.890.760 Kronen - da kann Persson die 5.000 Kronen Geldbuße leicht verschmerzen, die er für »übermäßigen Peitschengebrauch« (zuzüglich fünf Tage Fahrverbot) aufgebrummt bekam. Die nunmehr auch gekrönte Königin der 2006er Aufzucht gewann nach »Guldstoet«, »E3-Finale«, »Breeders Crown« (alle 2009) und »Drottining Silvias Pokalen« den fünften »Riesen« ihrer im März 2009 in Kalmar begonnenen Karriere und hat heuer noch die »Breeders Crown« vor der schmalen roten Brust. - (mw)
ERGEBNIS
| Sonntag, 05.09.2010 | ||||
| Jägersro / Schweden | ||||
| KRAFFT Derbystoet 2010 | ||||
| 1.000.000 Skr - 2140 m - Autostart | ||||
| Vierjährige Stuten | ||||
| 1. | Viola Silas | Fredrik Persson | 1:12,7 | 14 |
| 2. | Stepping Space | Johan Untersteiner | 1:12,7 | 939 |
| 3. | Pebbly | Björn Goop | 1:12,8 | 104 |
| 4. | Vitesse d´Inverne | Sören Eriksson | 1:12,9 | 47 |
| 5. | Jill Tilly | Jorma Kontio | 1:12,9 | 443 |
| 6. | Simb Ruby | Örjan Kihlström | 1:12,9 | 132 |
| 7. | Bella Hammering | Stefan Söderkvist | 1:12,9 | 893 |
| 8. | La Bellouet | Håkan Persson | 1:12,9 | 155 |
| 9. | Sweet Desire | Hans-Owe Sundberg | 1:13,0 | 1677 |
| 10. | Izara | Torbjörn Jansson | 1:13,1 | 724 |
| 11. | Action Wind Ås | Erik Adielsson | 1:13,1 | 395 |
| 12. | Cathrine Sisu | Johnny Takter | 1:13,5 | 695 |
| Viola Silas - 4j. St. v. Lindy Lane a.d. Iza Silas v. Spotlite Lobell | ||||
| Sieg: 14:10 - Platz: 12 - 79 - 21:10 - Zwilling: 556:10 | ||||
Zu den Fotos: Zu Beginn der Schlussrunde erscheint Never Again (links) an der Seite von Joke Face; Während Örjan Kihlström und Jörgen Westholm fasziniert den Schlussakkord des nicht erfassten Zorro Photo verfolgen, konzentriert sich Erik Adielsson im Finish ganz auf seinen Schützling; Familie Kolgjini mit Sohn Dante, Tochter Camille, »Ludde«, Lebensgefährtin Anna Svensson und Sohn Adrian sowie ihrem »Familien-Derby-Sieger« Joke Face; Mit loser Leine und angesichts der Geste von Johan Untersteiner (7) wirkt Viola Silas (2.v.r.) nicht wie die Siegerin im »Derbystoet«; Auf dem Weg zur Siegerehrung ist Fredrik Persson die Erleichterung über den knappen Erfolg anzusehen
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